Ich gebe es zu, ich bin schon seit Jahren der globalen Harry-Potter-Hysterie verfallen. Nicht nur, dass ich die letzten drei Bände jeweils in vier, sechs und acht Stunden durchgelesen hatte, nein, ich konnte es nicht abwarten und habe den sechsten Band, anstatt diesen gemütlich zu Hause auf der Couch, dem Balkon oder im Bett zu lesen, auf einer ungemütlichen recht kühlen Treppe eines Glasgower Backpackers verbracht und die dummen Blicke und Kommentare meiner Mitbewohner über mich ergehen lassen. Und das nur um zu wissen, was weiter passieren würde.Das konnte mir dieses Jahr nicht passieren, denn mein Sommerurlaub war sorgfältig so getimt, dass ich das meist erwartetste Buch des Jahres gemütlich auf meinem Balkon in der Sonne genießen konnte. Und so betrug es sich des Erscheinungsmorgens, dass ich frohen Herzens aus meinem Bett sprang und sogleich ungeduldig durch meine Wohnung tigerte, immer auf der Suche nach einer Ablenkung bis zum Klingeln des Postboten. Der kam tatsächlich schon 9 Uhr in der Früh, ich hätte ihn fast umarmt, doch konnte mich grad noch so beherrschen.
Und so packte ich meinen Schatz aus und kochte mir einen Kaffee und schmiss die Katze vom Balkonstuhl und begann zu lesen. Der Anfang vom Ende beginnt furios, doch nach der Hochzeit im Weasley-Haus ebbt der Spannungsbogen jäh ab und es beginnt ein zähes Versteckspiel, das nur durch gelegentliche Abenteuer und Meinungsverschiedenheiten der Hauptprotagonisten unterbrochen wird. Und genauso wie Harry, Hermione und Ron von der Außenwelt abgeschnitten sind, so muss der Leser nach echter Action dursten. Zum Glück hat jemand rechtzeitig ein deus-ex-machina plot device aus dem Plot Central in das Buch eingebaut, so dass es nach 300 Seiten dröger Teenager-Angst endlich weiter gehen kann.
Doch jetzt muss Rowling ihre in den vorherigen Büchern gegebenen Versprechen endlich einlösen. Plots, die mit viel Liebe in der Serie aufgebaut worden waren, wie die Beziehung zwischen Ron und Hermione, der Heldenmut von Neville und die Relevanz anderer Nebencharaktere wie Fred und George, werden in den verbleibenden 200 Seiten quasi nacheinander abgehakt. Es muss schnell gehen, denn die Endschlacht dräut und damit Harrys und/oder Voldemorts Ende. Und wo sonst kann die statt finden als in Hogwarts, Harrys aber auch Voldemorts einziges zu Hause, das sie je gehabt haben.
Auf zwei Feldern wird sie geschlagen, denn während der gemeine Pöbel aufeinander trifft und sich gegenseitig abschlachtet, kämpfen Harry und Voldemort mit psychologischen Waffen und schließlich gewinnt ... der Naivere, Unbedarftere. Und ein Wiedersehen mit Dumbledore gibt es zudem noch, wenn auch nur in einer Zwischenwelt.
Das letzte Kapitel, in dem Rowling den Sack zumacht und die Erwachsenenwelt der einstigen Hogwartsschüler skizziert, scheint überflüssig. Meine Fantasie hätte diesen Ausblick nicht benötigt, zumal das Leben danach sehr ordinär erscheint. Einen Severus Albus Potter hätte ich nicht gebraucht. Doch am Ende ist alles gut.
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